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Wilhelm Tell leidet im Schlosshof

Freiburger Nachrichten – Mittwoch, den 1. Juni 2016

Die Murten Classics stehen diesen Sommer unter dem Motto «La Suisse». Die Verantwortlichen organisieren 33 Veranstaltungen aus 13 verschiedenen Sparten. Für die Reihe stand unter anderem das Eidgenössische Pate.

Ein Sturm wird im Murtner Schlosshof wüten, wenn Gioachino Rossini in seiner Wilhelm-Tell-Ouvertüre den Helden auf dem stürmischen Urnersee leiden lässt. Der Schweizer Nationalheld durfte nicht fehlen, als der Künstlerische Leiter der Murten Classics, Kaspar Zehnder, sich für dieses Jahr das Thema La Suisse auf die Fahne schrieb. Gestern präsentierten die Verantwortlichen das Programm. Am Anfang stand ein Schock, erinnerte sich Zehnder: die Erkenntnis, dass sich während des gleichzeitig stattfindenden Schwingfestes in Estavayer-le-Lac weitherum kaum noch Hotelzimmer finden liessen. Der Schritt zum Thema La Suisse war dann nicht mehr gross.

«Ich wollte schon lange mal Schweizer Musik einer breiten Öffentlichkeit bekannt machen», so Zehnder. Oft galten und gelten noch heute Schweizer Komponisten als deutsche, französische oder italienische. Zehnder wurde auf seiner Suche in der Romantik und Spätromantik fündig. Er nahm Schweizer Künstler und Komponisten sowie Werke, die in der Schweiz entstanden sind, ins Programm auf. So hat zum Beispiel Pjotr Iljitsch Tschaikowsky sein Violinkonzert in D-Dur am Genfersee komponiert, und Richard Wagner schrieb Tristan und Isolde am Brienzersee. Viele Komponisten seien Flüchtlinge, die in der Schweiz «Heimat, Exil und Refugium» gefunden haben – so auch der Titel des Sommernachtskonzerts vom 30. August. «Sie fanden hier ein Daheim und schufen neue kulturelle Blüten», so Zehnder.

Oratorium zu Bruder Klaus

Dabei nutzte Zehnder die grosse Bandbreite, die das Klassikfestival im Murtner Schlosshof traditionell aufweist. Den Anfang macht das Eröffnungskonzert am 18. August: der Freiburger Abend mit Arthur Honeggers Oratorium mit der Concordia Freiburg, Dirigent Jean-Claude Kolly und dem Choeur St-Pierre-aux-Liens aus Bulle. «Das ist ein grosses Drama, eindrücklich», würdigte Zehnder. Das Werk handelt von Bruder Niklaus von Flüe, einem Vordenker der modernen Schweiz. Er bedinge sich jedes Jahr eine Bitte aus, sagte Murten-Classics-Präsident Daniel Lehmann. So habe er sich heuer das Klavierkonzert Nummer sechs von Caroline Boissier-Butini gewünscht, das kurz das «Lioba» anklingen lässt. Den Übernamen des Stückes, «La Suisse», nahm Zehnder auch gleich als Titel für die ganze Reihe auf.

Kein Griff nach den Sternen

Nach dem Rekordjahr 2015 rechnet Lehmann mit etwas weniger Besuchern. Er stellate zudem fest, dass der Einbruch der Sponsoringeinnahmen aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation keine grossen Sprünge erlaubt. Zwar habe man Anpassungen gemacht und noch Reserven aus guten Jahren, doch sie könnten nicht nach den Sternen greifen, so Lehmann. Oder wie es Zehnder ausdrückte: «Wir wollten den ganzen Wilhelm Tell aufführen, nun führen wir halt nur die Ouverture auf.» Dadurch verliere der Anlass aber keineswegs an Qualität, das sei ja das Wichtigste. Und um die fehlenden Hotelbetten am Schwingfest-Wochenende macht sich Zehnder auch keine Sorgen mehr. An diesen Tagen treten die Sinfonieorchester aus Bern und Biel/Solothurn auf. «Die gehen nach dem Konzert zum Schlafen nach Hause.»

Zum Programm – Schweizerische Identität als Klassik-Reihe

Das Programm der diesjährigen Murten Classics umfasst 33 Konzerte aus 13 Sparten. Hauptstandorte sind der Schlosshof und die Deutsche Kirche (Schlechtwettervariante), weitere Standorte sind: Schlosskirche und Schlosspark Münchenwiler, Französische Kirche Murten, Reformierte Kirche Merlach und die Bühne des Beaulieu Murten. Sechs Anlässe sind kostenlos: die Apérokonzerte, der Filmabend mit «Vitus» von Fredi M. Murer und das Familienkonzert. Das Budget beträgt 900000 Franken. Artist in Residence ist die Schweizer Geigerin Kamilla Schatz, unter anderem Kammermusikerin am Lucerne Festival. Aufgeführt werden unter anderem Werke von Ernst Theodor Fröhlich, Johann Carl Eschmann, Joachim Raff und Joseph Lauber. Als Dirigenten wurden Mario Vanzago, Christoph-Mathias Mueller, Simon Gaudenz und Johannes Schläfli engagiert. 400 Musiker nehmen am Festival teil, 219 stamen aus der Schweiz. Das Festival dauert vom 14. August bis zum 4. September. Der Vorverkauf beginnt heute.

Auftritte von Kamilla Schatz: So., 21. August, 11 Uhr; Do., 25. August, 20 Uhr; Fr., 26. August, 20 Uhr; Mi., 31. August, 20 Uhr, sowie So., 4. September, 17 Uhr. ← www.murtenclassics.ch

Fahrettin Calislar



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