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Ein Dirigent der Höchstklasse

Unisono – Montag, den 8. Januar 2018

Insgesamt 60 Jahre steht Jean-Claude Kolly Kolly bereits am Dirigentenpult von zwei wichtigen Blasorchestern der Höchstklasse. So gelingt es ihm seit 1982, den Enthusiasmus und seine Idealvorstellungen von musikalischer Interpretation, Klangfarben und Emotionen weiterzugeben.

Wer im vergangenen Jahrhundert im Kanton Freiburg als Lehrperson tätig war, für den war selbstverständlich, dass der Musik, speziell dem Chorgesang, eine wichtige Rolle in der Ausbildung der Jugend zustand. Auch Jean-Claude Kolly ist in diese, auf Pater Joseph Bovet zurückgehende Tradition, eingebettet. Sein Weg beginnt als Primarlehrer, später unterrichtet er Musik, und aktuell ist er als Dozent an der Hochschule für Musik und am Konservatorium Freiburg tätig. Seine Karriere als erfolgreicher Dirigent, als den wir ihn kennen, wurde natürlich auch durch diesen beruflichen Werdegang beeinflusst und geprägt.

Die Charakterzüge und menschlichen Qualitäten von Jean-Claude Kolly
spiegeln sich in seiner Arbeit als Dirigent.

Im Prozess des Wandels

Jean-Claude Kolly übernahm 1982 die Leitung der Gérinia Marly, 1993 zusätzlich den Dirigentenstab der Concordia Freiburg. Zwei Formationen, welche sich in einem Prozess des Wandels befanden. Etliche Musikvereine zu dieser Zeit spielten in Fanfare-Besetzung, welche aber im Vergleich zu Brass Bands und Harmonieorchestern zunehmend an Bedeutung einbüssten. Für Jean-Claude Kolly war klar, er wollte die Concordia und die Gérinia in Richtung sinfonisches Blasorchester entwickeln.

Die beiden Formationen, ursprünglich mit einem Kern aus Blechblasinstrumenten, wurden also nach und nach durch Waldhörner und ein erweitertes Holzregister (Oboen, Fagotte, Bass- und Kontrabassklarinette) ergänzt und dadurch an Klangfarben reicher. Diese Entwicklung erlaubte es auch dem Perkussionsregister, die vielfältigen Möglichkeiten dieser Instrumentenfamilie aufzuzeigen. Mit dem Einsatz von Kontrabass, Piano und Harfe kommen mittlerweile auch Saiteninstrumente zum Zug.

Beim Galakonzert der Concordia in der Aula Magna der Universität Freiburg 1997

Methodisches Vorgehen

Seit Beginn seiner Tätigkeit an der Spitze der Gérinia und der Concordia geht Jean-Claude Kolly äusserst methodisch vor, nichts wird dem Zufall überlassen. Wie ein Goldschmied das Metall und ein Tischler das Holz zu einem fertigen, kunstvollen Objekt verarbeiten, formt Jean-Claude Kolly mit Instrumenten aus Holz und Metall ein hörbares Kunstwerk. Der Erfolg seiner Ideen zeigt sich auch darin, dass viele Dirigentinnen und Dirigenten seinem Beispiel gefolgt sind.

Jean-Claude Kolly hat die seltene Gabe, seinen Musikerinnen und Musikern genau erklären zu können, wie er eine Komposition interpretieren und umsetzen möchte. Nicht selten helfen ihm dabei seine Kenntnisse der Geschichte der Musik sowie persönliche Erlebnisse und Anekdoten. Damit gelingt es ihm, Musik und Klangfarben in Worte zu fassen.

Auch die Mitglieder seiner Ensembles wissen um und schätzen die Tatsache, dass gerade in der Musik, das Ganze mehr ist als die einfache Summe seiner Teile. Eine Haltung, welche für Amateurformationen nicht unbedingt selbstverständlich ist.

Im Jahr 2000 mit der Concordia auf einer Kreuzfahrt im Mittelmeer

Leidenschaft und Aufrichtigkeit

Jean-Claude Kolly besitzt eine eindrückliche Gabe im Umgang mit seinen Musikerinnen und Musikern: kein Satz zu viel, nie ein gehässiges Urteil, dafür gute Ratschläge, Ermunterungen und – selbstverständlich – zusammen an den Partituren arbeiten. Er mag in der Öffentlichkeit zwar manchmal eher distanziert erscheinen, aber Jean-Claude Kolly ist eine äusserst offene Person. Im Kreise seiner Musiker fühlt er sich sehr wohl und kann dabei auch recht gesprächig werden. Nichtsdestotrotz, die gestellten Aufgaben müssen gut erledigt werden. Proben plant er akribisch, dies erlaubt es jedem Orchestermitglied, sich auch entsprechend vorbereiten zu können.

Noten und Klänge stehen dann im Vordergrund, nicht lange Reden oder grosses Ausrufen! Und die Musikerinnen und Musiker der Gérinia und der Concordia verstehen die Botschaft und folgen ihrem Chef mit grossem Einsatz und Engagement. Natürlich spiegeln sich im Dirigenten die Charakterzüge und Qualitäten des Menschen Jean-Claude Kolly: Leidenschaft und Aufrichtigkeit sind die Grundlagen für seinen Erfolg. Er lebt die Emotionen vor, welche er vermitteln möchte.

Die Concordia 1995 bei einem Konzert in Mexiko

Mit seinen Konzerten sucht Jean-Claude Kolly nicht das grelle Scheinwerferlicht oder die Selbstinszenierung seiner Gestik. Betrachtet man die Erfolge, welche er mit seinen beiden Orchestern erreicht hat, beeindruckt seine Bescheidenheit. Nie würde er herausstreichen, dass er die Gèrinia zu einer der besten Formationen des Landes formen konnte. Auch nicht, dass er mit der Concordia 2016 den zweiten Platz am Eidgenössischen Musikfest in Montreux erzielen konnte und am World Music Contest 2017 in Kerkrade (NL) eine Goldmedaille gewonnen hat. Vielleicht eine typisch freiburgische Charaktereigenschaft. Sein Ziel ist ein anderes: Er möchte mit seiner Tätigkeit die Menschen für die reiche Geschichte sensibilisieren, die das Universum der Bläserensembles auszeichnet. Eine Geschichte, welche in den fünfziger Jahren mit der Gründung des berühmten Eastman Wind Ensembles durch Frederick Fennell begann.

Aber auch er benötigt neue Inspirationsquellen und muss sich weiterbilden. Um sich über die neuesten Entwicklungen und Kompositionen auf dem Laufenden zu halten und um sich mit anderen Spezialisten austauschen zu können, besuchte er gerade vor Weihnachten die bedeutende Midwest­ Clinic­Konferenz in Chicago. Auch dies trägt dazu bei, dass er als Dozent für Blasorchesterdirektion am Konservatorium und an der Hochschule für Musik Freiburg den Ruf geniesst, am besten die verschiedenen Klangfarben eines Orchesters herausarbeiten zu können.

Am 17. Dezember 2017 gab Jean-Claude Kolly sein letztes Konzert an der Spitze der Gérinia Marly

Es ist einerseits ein Privileg, zwei Höchstklasse­Orchester in der gleichen Region dirigieren zu dürfen, es könnte andererseits auch ein Risiko beinhalten. Jean-­Claude Kolly hat seine beiden Formationen jedoch immer als gleichberechtigt angesehen und konnte aus seiner Doppelfunktion auch Synergien ziehen. Das konstant hohe Niveau beider Formationen ist auch eine Folge seiner langjährigen Treue zu ihnen.

Was ist eigentlich das Geheimnis, während einer so langen Zeit immer motiviert bleiben zu können und dies auch an seine Musikerinnen und Musiker weiterzugeben ? Fragen Sie ihn nicht direkt, sondern besuchen Sie eines seiner Konzerte. Beobachten Sie ihn am Dirigentenpult und Sie werden die Antwort finden.

Die Musik, das Leben als Ganzes braucht derartige Botschafter, welche ihre Projekte mit Verstand und Leidenschaft verkörpern können. «Wenn du auf dem Gipfel des Berges angekommen bist, dann klettere weiter», sagt ein tibetisches Sprichwort. Es passt perfekt zu Jean­Claude Kolly, einem Dirigenten mit einer ausserordentlichen Ausstrahlung und Leidenschaft, stets auf der Suche nach der perfekten musikalischen Darbietung.

Eine Goldmedaille für die Concordia in Kerkrade 2017


Kurzbiografie

Jean-Claude Kolly (geboren 1961) dirigiert die Gérinia Marly seit 1982 und die Concordia Freiburg seit 1993. Zusammengezählt 60 Jahre Treue zu zwei wichtigen Freiburger Höchstklasse-Blasorchestern. Dabei kann Kolly auf 1 internationalen Wettbewerb, 10 Kantonalmusikfeste, 10 Eidgenössische Musikfeste in der Kategorie Höchstklasse, 17 Bezirksmusikfeste, 250 Auftritte, 250 Konzerte und rund 4800 Proben zurückblicken. Aber vor allem beeindruckt er dabei als Mensch. Jean-Claude Kolly hat sein 35-Jahr-Jubiläum als Dirigent der Gérinia im Dezember 2017 im Podium in Düdingen gefeiert. Dies waren gleichzeitig seine Abschiedskonzerte mit der Gérinia. Die Feier des 25-Jahr-Dirigentenjubiläums mit der Concordia findet anlässlich der Galakonzerte vom 3. und 4. Februar 2018 im Equilibre in Freiburg statt.

Giancarlo Gerosa, Olivier Schaller, Régis Gobet / Übersetzung Patrick Schwaller



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